Ritter, Seidenbarone, Bauhausikonen

Nach Weimar hatte zum zweiten Mal in Folge eine BGV-Exkursion 2019, am 19. Oktober, das Schwerpunktthema „100 Jahre Bauhaus“. Um auf den Spuren von Mies van der Rohe zu wandeln, muss man nicht in die Ferne schweifen. Nur eine knappe Stunde aus dem Oberbergischen an den Niederrhein, und schon kann man seine Architektur in Form von Haus Esters und Haus Lange sowie den erhaltenen Industriebauten der Verseidag bestaunen. Der Tag in Krefeld begann zunächst mit einer Führung durch Prof. Dr. Jürgen Schramm vom Verein für Heimatkunde Krefeld auf einer Stadtrundfahrt.
Vorbei ging die Fahrt am Geburtshaus von Joseph Beuys (geb. 12.05.1921) und der Mennonitenkirche von 1693, am heutigen Rathaus, dem ehemaligen Stadtpalais der Familie von der Leyen mit seiner mit Kolonnaden gesäumten klassizistischen Fassade zum Gelände der Verseidag – der Vereinigten Seidenweberei Aktiengesellschaft. Dass Krefeld, das Ende des 19. Jahrhunderts als reichste Stadt Preußens galt, seinen Reichtum auf die Seidenweberei gründete, wurde der Gruppe von Prof. Schramm schnell klar gemacht. Das Seidengewerbe wiederum ging zurück auf mennonitische Glaubensflüchtlinge die sich im 17. Jahrhundert, als die Herrschaft über Krefeld auf dem Erbgang von den Grafen von Moers an das Haus Nassau-Oranien gefallen war, dort ansiedelten. Allen voran prosperierte das Seidengewerbe der Familie von der Leyen, die aus dem Oberbergischen Radevormwald kam und später das Seidenmonopol in Preußen erlangte. In Europa war Krefeld neben Lyon die zweite Metropole für Seidenprodukte. Nach dem ersten Weltkrieg schlossen sich in der Verseidag u. a. die familiengeführten Seidenwebereien C. Lange und Geb. Esters zusammen.

Kunstmuseum Krefeld, Haus Esters

Die Herren Esters und Lange wurden Geschäftsführer. Zwischen 1931 und 1939 wurden die Firmengebäude von Ludwig Mies van der Rohe im Bauhausstil errichtet. Ebenfalls errichtete er für die Familien Esters und Lange zwischen 1928 und 1931 zwei benachbarte Wohnhäuser, die von der Gruppe im Anschluss an die Stadtrundfahrt besichtigt wurden. Heute bieten sie dem Kunstmuseum Krefeld Platz für Sonderausstellungen. Im Anschluss wurde der fußläufig gelegene achteckige Schütte-Pavillon des Düsseldorfer Künstlers Thomas Schütte mit seiner Ausstellung „Bauhaus und Industrie in Krefeld“ besucht. Nach deftigem Mittagessen und ein paar Probeschlucken Krefelder, ging es rückwärts in der Geschichte – zur Burg Linn, die auf eine Motte der Edelherren von Lynn aus dem 12. Jahrhundert zurückgeht.
Das Skelett von Otto von Lynn konnte in der Kapelle in Augenschein genommen werden. Nach der Führung bestand Gelegenheit zum Besuch des Archäologischen Museums, des benachbarten Jagdschlosses, das der Kölner Kurfürst Clemens August um 1740 ausbauen ließ sowie dem Deutschen Textilmuseum. Und nach ausgesprochen leckerem Kuchen im Museumscafe kehrte die Gruppe satt und deutlich reicher an Eindrücken und Wissen zurück in Oberbergische.
Text und Fotos: Marcus Dräger