BGV in Coronazeit IX – Medizingeschichte in Oberberg

Wer waren früher die Seuchenbekämpfer in Oberberg? Wir – als Geschichtsverein – entdecken Namen und verfolgen das Andenken.

So ist an der Hauptstraße in Nümbrecht auch der Name des Landarztes Dr. Eduard Karl Rieck in einem Straßenschild zu lesen. Mehr als seine Lebensdaten (1865-1927) verrät ein Artikel in den „Heimatklängen“ 2002, der das selbstlose Wirken des Landarztes schildert, der aus Westpreußen stammend zuerst in Hülsenbusch und Gummersbach praktizierte und dann nach Nümbrecht übersiedelte, wo er 32 Jahre tätig war. In einer Zeit ohne Krankenkasse, ohne Antibiotika, ohne Krankenhaus und ohne Rettungsdienst sah die medizinische Versorgung noch ganz anders aus als heute. Der praktische Arzt war der Alleskönner, der auf dem Land speziell auch Unfall- und Geburtshilfe leisten musste. Auch die Kinder fielen in sein Ressort. Pastor Nieden charakterisiert ihn in den Heimatklängen als Volksarzt und Menschenfreund, was insbesondere auf die Versorgung ärmerer Schichten hinweist, wie sie eben bei der Landbevölkerung des 19./20. Jahrhunderts anzutreffen war. Letztlich besteht jedoch schon ein erster staatlich reglementierter Seuchenschutz, die Pockenimpfung. Nachdem es im Königreich Preußen noch 1870/71 eine Pockenepidemie mit 125.000 Todesopfern gegeben hatte, erfolgte 1874 das Reichs-Impfgesetz, das die Impfung der Kinder vorschrieb, im 1. und 12. Lebensjahr, unter Androhung von Strafen.

Wie einfach aber die Impfung auf dem Land für die Gemeinden Nümbrecht und Marienberghausen aussah, erhellt eine Notiz von Dr. Rieck auf einem Rezept von 1907: „Frau …erklärte mir, dass sie ihre Tochter dann impfen lassen will, wenn ich wieder Lymphe habe.“ Das spricht dafür, dass der Landarzt nur zu Impfterminen bevorratet wurde von seinem zuständigen Impfinstitut, die Termine wurden dann wahrscheinlich in der Volksschule abgehalten. Im Gesetz wird das Impfen auch allein Ärzten vorbehalten, offenbar gibt es aber auch die öffentliche Funktion als Impfarzt, als Beauftragter der Gemeinde. Dazu heißt es im Nachruf des Bürgermeisters Degenring von 1927, Dr. Rieck sei als Armen- und Schularzt für die Gemeinde tätig gewesen, also auch in einem öffentlichen Amt. Wer sich in einem solchen Dienst 20 Jahre bewährt hatte, erhielt üblicherweise auch den Ehrentitel eines Sanitätsrates. Insbesondere sein unermüdlicher und selbstloser Einsatz werden gelobt, der bis zum Lebensende mit 62 Jahren währte.

Wer mehr über die Bekämpfung der Pocken in der Vergangenheit wissen will, sei auf den folgenden Link verwiesen: https://www.trillium.de/zeitschriften/trillium-immunologie/archiv/ausgaben-2019/heft-32019/aus-der-geschichte/pockenimpfung-in-deutschland-vor-und-nach-jenner.html

Ich danke Frau B. Ludwig-Weber und D. Hüschemenger, Nümbrecht für die Unterstützung bei der Spurensuche.  A.R.

Foto: Dr. Anna Eiter-Rothkopf, Noitzzettel aus Gemeindearchiv Nümbrecht

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