{"id":5503,"date":"2020-06-04T09:51:07","date_gmt":"2020-06-04T08:51:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bgv-oberberg.de\/?p=5503"},"modified":"2020-06-15T13:19:55","modified_gmt":"2020-06-15T12:19:55","slug":"bgv-oberberg-betrachtet-das-lokale-gesundheitswesen-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bgv-oberberg.de\/?p=5503","title":{"rendered":"BGV Oberberg betrachtet das lokale Gesundheitswesen der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben schon die Versuche der Vorfahren betrachtet, wie sie vor 500 Jahren Heilung suchten, k\u00f6rperliche Krankheiten verh\u00fcten oder abwenden wollten, wobei uns die Angebote der Kirche mit ihren Tr\u00f6stungen, Hoffnungen und Gnadenmitteln begegnet sind, die sowohl k\u00f6rperliche als auch geistliche Reinigung, Wiederherstellung und Gesundung bringen sollten. Dass es in unserer Heimatregion um die medizinische Versorgung \u00e4u\u00dferst notd\u00fcrftig bestellt war, ist uns schon klar geworden, es fehlte an \u00c4rzten und Krankenh\u00e4usern, die Medizin steckte bis ins 18. Jahrhundert noch in den Kinderschuhen, gebunden an antike Theorien, spekulative Heilmethoden oder rein praktisches Erfahrungswissen.<br \/>\nF\u00fcr Gummersbach erfahren wir zwar von zwei ber\u00fchmten \u00c4rzten, Johann Heinrich Wiefel (1804-1883), der sich insbesondere als Operateur einen Namen machte und von Ludwig Winckel (1809-1892), der mit dem Vorgenannten gemeinschaftlich praktizierte und speziell auf dem Gebiet der Gyn\u00e4kologie Hervorragendes leistete. Aber schon die Umst\u00e4nde von Winkels Antritt in Gummersbach wie auch sein Abgang sind bezeichnend f\u00fcr die 1. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts in der hiesigen Medizin. 1842 kam er hier an, wo gerade der einzige Arzt am Ort, Dr. W\u00fcste, an Typhus verstorben war.<br \/>\nBei der exemplarischen Lebensgeschichte der beiden ber\u00fchmtesten \u00c4rzte Oberbergs &#8211; Dr. H.L. Winckel und Dr. H. Wiefel &#8211; in der 1. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wird immer wieder auf die Erb\u00e4rmlichkeit der Gegend hingewiesen, die die b\u00e4uerlichen Einwohner kaum ern\u00e4hrte und schon gar nicht den Luxus einer \u00e4rztlichen Behandlung erlaubte. Immer wieder wird berichtet, wie die \u00c4rzte auf ihren Rechnungen sitzen blieben, so dass es keinen weiteren verlockte aufs Land zu ziehen. Da es im Lande auch keine herrschaftliche Hofhaltung gab, konnte sich nirgends ein Leibarzt profilieren. Mit den beiden genannten ber\u00fchmten Operateuren arbeiteten auch die Kreis\u00e4rzte zusammen (Waldbr\u00f6l, Gummersbach, M\u00fclheim). Es ist zu hoffen, dass dann aus \u00f6ffentlicher Kasse Geld floss, wenn ein Konsil gew\u00fcnscht wurde. Der Gummersbacher Kreisphysikus Dr. Platte sieht aber die Wurzel des \u00dcbels und verspricht sich erst Besserung, wenn der Staat die \u00c4rzte bezahlt, letztlich also in einem \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen. Au\u00dfer Impfungen oder statistischen Berichten, Hygienema\u00dfnahmen, Kontrolle der Medizinalpersonen hatte der Kreisphysikus wenig mit der praktischen Medizin zu tun. Seine Stellung war jedoch gesichert, sodass Dr. Winkel eine solche Stellung erst in Gummersbach, dann auch ausw\u00e4rts im Landkreis M\u00fchlheim anstrebte, um den k\u00e4rglichen Verh\u00e4ltnissen auf dem Lande zu entgehen. Interessant und bisher weitgehend unbeachtet ist die Mitteilung, dass er in Gummersbach auch selbst von 1849-1868 ein kleines Krankenhaus f\u00fcr Geisteskranke betrieb &#8211; in seinem Wohnhaus an der Br\u00fcckenstra\u00dfe. Sicherlich muss man sich darunter eher eine Einrichtung als \u201eVerwahranstalt\u201c in privaten R\u00e4umen vorstellen, wo er die Patienten auch nebenher betreuen konnte. Auf diesem Felde waren die damaligen Fortschritte noch geringer als auf dem Gebiet der Chirurgie oder Seuchen-Heilkunde.<br \/>\n1842 wurde in USA die erste \u00c4thernarkose durchgef\u00fchrt, die \u00fcber England auch auf den Kontinent kam. Es fehlte an Desinfektion, Antisepsis, Mitteln der Blutstillung und Antibiose. Zur Beruhigung diente Opiumtinktur. Nicht einmal der Weg der Infektionen war bekannt. Unvorstellbares hatten die Menschen auszuhalten, zu erdulden. Bei Erkrankungen stand man schnell am Rande des Todes, so bei Unf\u00e4llen, Infekten, Kinderkrankheiten, Schwangerschaft und Geburten. Pocken, Cholera, Ruhr und Typhus zogen immer wieder in Epidemien \u00fcbers Land. Eine Volkskrankheit war auch die Tuberkulose, der insbesondere j\u00fcngere Menschen zum Opfer fielen. Der genannte ber\u00fchmte Dr. Winckel hatte selbst 10 Kinder, von denen etliche jung starben.<\/p>\n<p>Nach 26 Jahren verlie\u00df er 1868 Gummersbach wieder, weil er in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt mit Krankenhaus arbeiten wollte, was er in der n\u00e4chsten gro\u00dfen bergischen Stadt M\u00fclheim am Rhein vorfand, wo er noch bis ins hohe Alter praktizierte.<br \/>\nIn Oberberg war in Bauernstuben operiert worden ohne Narkose und ohne Asepsis, Errungenschaften, die erst noch erfunden werden mussten. In M\u00fchlheim standen dem Arzt drei Krankenh\u00e4user zur Verf\u00fcgung, ein st\u00e4dtisches, ein katholisches und ein evangelisches. Gummersbach musste noch bis 1884 auf ein erstes st\u00e4dtisches Krankenhaus warten. Was sich seit dem Mittelalter Krankenhaus nannte, war oft eine Einrichtung der Armenf\u00fcrsorge, die entweder von Kl\u00f6stern betrieben wurde oder von st\u00e4dtischer Selbstverwaltung. Dabei ist das Beispiel der bergischen Hauptstadt D\u00fcsseldorf sehr charakteristisch: Gleich hinter dem Ratinger Tor beim Einlass in die alte Stadt hatten die Kreuzherren, urspr\u00fcnglich ein Kreuzritterorden, der auch das Hospital-Wesen mitbrachte, ein Kloster, St. Anna, dem dann auch eine Herberge f\u00fcr Kranke, Alte und Schwache angeschlossen war. Zugleich konnte hier eine Sichtung der Personen durchgef\u00fchrt werden, die die Stadt betreten wollten und eingesch\u00e4tzt werden, je nachdem, wohin man sie haben wollte, sei es in die Herberge, ins Arbeitshaus, ins Gef\u00e4ngnis oder vor die Tore.<\/p>\n<p>Dr. Winckel hatte zwar die Stadtwerdung Gummersbachs 1857 erlebt, aber die Verh\u00e4ltnisse waren doch sehr bescheiden. Handel und Schule spielten eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, was wiederum Austausch durch Reisen und externe Sch\u00fcler mit sich brachte. Lebhaften Durchgangsverkehr gab es infolge der schlechten Stra\u00dfen weniger, wodurch auch Krankheiten eingeschleppt werden konnten.<br \/>\nAuch in der bergischen Stadt M\u00fclheim gab es seit 1776 ein Hospital, f\u00fcr das im ganzen Bergischen gesammelt worden war. Dazu geh\u00f6rte auch eine Armenordnung, die Rechte und Pflichten der Insassen, Aufnahmebedingungen und Versorgung bestimmte. Danach war es eher eine Versorgungseinrichtung f\u00fcr Arme, Waisen und Kr\u00fcppel. Erst durch die franz\u00f6sische Herrschaft am Rhein (Gro\u00dfherzogtum Berg) wurde die Institution der kirchlichen Regie entzogen und zu einer b\u00fcrgerlichen Institution mit Vorstehern f\u00fcr die geschlossene und offene Armenpflege.<br \/>\nG. Bendel schreibt zu den Verh\u00e4ltnissen: Bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte M\u00fchlheim keinen Arzt, \u00e4rztliche Hilfe suchte man damals bei den drei \u00c4rzten in K\u00f6ln oder bei den Amtschirurgen in Bensberg und Opladen, erst um 1750 lie\u00df sich der erste Wundarzt nieder. Er hatte jedoch erhebliche H\u00fcrden f\u00fcr die Niederlassung zu \u00fcberwinden, musste sich als Ausw\u00e4rtiger erst in das B\u00fcrgerrecht einkaufen und die Erlaubnis zur Berufsaus\u00fcbung bei der kurf\u00fcrstlich pfalz-bayerischen Regierung in D\u00fcsseldorf einholen.<br \/>\nIn Wipperf\u00fcrth hatte der Wundarzt F. W. Hauss 1796 am Markt ein sch\u00f6nes Haus gebaut, in dem er auch praktizierte. Dieses Haus geriet in Besitz der kath. Kirchengemeinde und dar\u00fcber in geistliche H\u00e4nde, wo Nonnen seit 1862 ein Hospital f\u00fchrten, eine Herberge f\u00fcr arme Kranke, Alte und Waisen, \u201eDas Kl\u00f6sterchen\u201c- gef\u00f6rdert und alimentiert durch den Dechant F.W. D\u00fcnner &#8211; bis 1882 ein neues gr\u00f6\u00dferes Krankenhaus erbaut wurde, in dem auch wieder Nonnen die Krankenpflege aus\u00fcbten. In evangelischen Stiftungen oder protestantischen Kommunen besorgten die Pflege Diakonissen aus Kaiserswerth.<br \/>\nDrei besondere Problemgruppen besch\u00e4ftigten das staatliche Gesundheitswesen in der Rheinprovinz des preu\u00dfischen K\u00f6nigreichs: Tuberkulosekranke, Schwangere und Geisteskranke. F\u00fcr sie wurden eigene Spezialeinrichtungen eingerichtet, erst in beschlagnahmten kirchlichen Bauten, dann auch in Neubauten unter dem Dach der Rheinprovinz, heute noch erkennbar an den alten Namen wie Landes-Klinik, Heilanstalt oder Heil- und Pflegeanstalt. Private Initiativen waren \u00f6fter vor Ort vorausgegangen, sei es als Stiftungen, sei es auch in \u00e4rztlicher Selbsthilfe wie bei Dr. Venn in Waldbr\u00f6l oder auch bei Dr. Ludwig Winckel in Gummersbach, der 1849 auch einige Geisteskranke in seinem Privathaus an der Br\u00fcckenstra\u00dfe aufnahm und 19 Jahre lang mit den Mitteln seiner Zeit versorgte.<br \/>\nImmerhin gab es in Gummersbach auch eine Apotheke. Bei einer st\u00e4dtischen Wasserversorgung war man aber noch l\u00e4ngst nicht angekommen. Damit war die Gefahr wiederkehrender Seuchen aufs engste verkn\u00fcpft.<br \/>\nMit den Befreiungskriegen 1813-18 waren auch die Durchz\u00fcge fremder Truppen vorbei, die oft in fr\u00fcheren Jahrhunderten Krankheiten mitgebracht oder den Nahrungsmangel vergr\u00f6\u00dfert hatten, was durch Hunger die Anf\u00e4lligkeit und Schw\u00e4che der Landeskinder in fr\u00fcheren Jahrhunderten noch vermehrt hatte. Mangel- und Fehlern\u00e4hrung waren h\u00e4ufig Krankheitsursache. 1846\/7 waren schlechte Erntejahre in Preu\u00dfen, die Kartoffeln hatte eine neue Krankheit befallen und f\u00fcr das Getreide war das Wetter zu schlecht. Hunger war die Folge, was bei den einen aufr\u00fchrerische Stimmung hervorrief, bei den anderen die Neigung zu caritativem Einsatz, wozu auch die Brotverbilligungsmarken der Zeit z\u00e4hlen, z. B. aus Barmen, Elberfeld und H\u00fcckeswagen. Sogenannte Hungermedaillen halten die Notzeiten mit Preisen, Bitten und Klagen fest.<\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\nOtmar Kohler, Zwei Oberbergische \u00c4rzte und ihre Bedeutung f\u00fcr den Kaiserschnitt Diss. K\u00f6ln 1934<br \/>\nGerhard Pomykaj, Allt\u00e4gliches Leben aus \u00e4rztlicher Sicht, Der Kreis Gummersbach 1825 im Spiegel 2 medizinischer Topographien, Gummersbach 1988<br \/>\nF. R. Hausmann, Oberbergische Gelehrte und andere Pers\u00f6nlichkeiten vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, Neustadt 1974<br \/>\nJohann Brendel, Die Stadt M\u00fchlheim am Rhein, M\u00fclheim 1913<br \/>\nA. Rothkopf, Zur Entwicklung der medizinischen Versorgungseinrichtungen im alten Oberberg, Band 10, Beitr\u00e4ge zur Oberbergischen Geschichte, 2010<\/p>\n<p>A.R.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Klicken Sie auf das erste Bild, und die Bildergalerie \u00f6ffnet sich mit vergr\u00f6\u00dferten Abbildungen!<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n        <style type='text\/css'>\n            #gallery-1 {\n                margin: auto;\n            }\n            #gallery-1 .gallery-item {\n                float: left;\n                margin-top: 10px;\n                text-align: center;\n                width: 33%;\n            }\n            #gallery-1 img {\n                border: 2px solid #cfcfcf;\n            }\n            #gallery-1 .gallery-caption {\n                margin-left: 0;\n            }\n            \/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n        <\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-5503 gallery-columns-3 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