Eine nicht alltägliche Urkunde und ihre Entstehung.
In diesen Tagen richtet sich der Blick mancher Heimatvereine und Bürgermeister auch im Rechtsrheinischen entlang Sieg und Agger wieder auf ein Datum, das – inzwischen 875 Jahre zurückliegend – ihren Ort zum ersten Mal nachweislich in die Annalen der Geschichte bringt. Gemeint sind die das Gedenken und die Ortserinnerung beflügelnden Ersterwähnungen in einer auf den 31.März 1131 datierten und glücklich über die Zeiten geretteten Papsturkunde des frühen 12. Jh,, die während eines politisch motivierten Aufenthalts des Kirchenoberhaupts an jenem Tag in Lüttich ausgestellt wurde.
Sie bestätigte dem seit lange im Rheinland renommierten Bonner Stift St.Cassius und Florentius, an dessen Unterstützung während der damaligen Kirchenspaltung Innocenz II. u.a. gelegen war, in einer um Vollständigkeit bemühten Zusammenstellung Einkunftsrechte an zahlreichen weit verstreuten Kirchen und Höfen rund um Bonn bis weit in die Eifel und ins Rechtsrheinische hinein. Von diesen Einkünften, von Schenkungen aus der Bevölkerung und dem ins Stiftsvermögen eingebrachtem Besitz lebte die Gemeinschaft der Kanoniker, die derzeitigem Wissen nach keine Missionstätigkeit betrieb, so dass sie auch für die Gründung unserer Kirchen als Mutterkirche vermutlich nicht in Frage kommt. Im vorliegenden Zusammenhang nicht unwichtig, dass dieses Stift aus Weltgeistlichen, das sich ca. um 800 aus einer community rund um eine frühmittelalterliche Grabkirche für die im 3. Jh getöteten christlichen Märtyrer Cassius und Florentius unter dem Einfluß des Kölner Erzbischofs herausgebildet hatte, nur kurz im Genuß vieler dieser Besitzungen gerade auch im Rechtsrheinischen verblieb. Den Kontakt in die entlegenen und nur mühsam erreichbaren Randgebiete aufrecht zu erhalten dürfte in jenen Tagen sehr mühsam und schwierig gewesen sein. Die Verluste, heißt es in der bisher umfangreichsten Untersuchung zur Geschichte des Stifts von Dietrich Höroldt in den Bonner Geschichtsblättern von 1957 (Bonner Geschichtsblätter Bd. XI) überwogen die Neuerwerbungen bereits in der fraglichen Zeit des 12.Jh.
Über die Zeitverhältnisse
Werfen wir einen Blick in die dramatische Zeit. Neun Jahre waren seit dem bedeutsamen Wormser Konkordat (1122) vergangen, das durch seine kaiserlichen Konzessionen ein Ende des im 11.Jh eskalierten Streits zwischen Kaisern und Päpsten herbeigeführt zu haben schien. Der drei Jahre später (1125) neu gewählte deutsche König Lothar von Supplinburg (Kaiser ab 1133) forderte mehrfach eine Revision des Konkordats. In der Kirche standen sich traditionalistische und neureformerische, wesentlich aus Frankreich und der zisterzensischen Bewegung um Bernhard von Clairvaux stammende Strömungen gegenüber, was sich 1130 in einer Spaltung der Kirche niederschlug. Der schließlich obsiegenden modern reformerisch gesonnenen Partei des Innocenz (Papst seit 1130) stand die traditionalistische römische Partei um den Gegenpapst Anaklet II (Papst ebenfalls seit 1130) gegenüber, der zwar von den Wahlvorgängen her im besseren Recht stand, wie es heißt, dem man jedoch u.a. vorhielt, aus einer ursprünglich jüdischen Familie zu stammen. 1131 begab sich Innocenz zu seinen Anhängern ins Rheinische, Lüttich war damals Teil des Reiches und ein Zentrum von Niederlothringen, an dessen östlichen Rändern auch die hiesigen Gefilde mit ihren sich formierenden Territorien lagen. Er hoffte dort auf Unterstützung. Dem in diplomatischen Aufträgen vor seiner Papstzeit viel umhergekommenen Innocenz nutzten die Kontakte in den Westen und sicherten ihm maßgebliche Unterstützung. Lothar von Supplinburg. konnte ihn 1133 für kurze Zeit nach Rom zurückführen und erwirkte dabei u.a. die Krönung zum deutschen Kaiser. Erst der Tod Anaklets 1138 machte endgültig den Weg nach Rom frei. (K.H.)
Quellen in Sachen Kirchengeschichte u.a. Lexikon des Mittelalters. Zu Gerhard von Are, damaliger Propst des Stiftes vgl .http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_von_Are . Über den 1972 abgebrochenen ehemaligen Fronhof Leimersdorf des Cassiusstiftes und seine Geschichte (auch in Wiehl hatte das Stift 1131 einen solchen Hof) unterrichtet ein ausführlicher Artikel unter http://www.kreis.aw-online.de/kvar/VT/hjb1974/hjb1974.37.htm
Inhalt und Form unserer Urkunde von 1131 haben bei früheren Gelegenheiten u.a. Marion Geldmacher (vgl. Oberberg, Monatszeitschrift für den Oberbergischen Kreis 4. Jg 1982) und für den Bergischen Geschichtsverein , Abt. Oberberg e.V. sein ehemaliger 2.Vorsitzender Klaus Pampus im Zusammenhang der Publikation der Urkunde (lat. und deutsche Fassung in: „Historische Urkunden aus dem Oberbergischen“ , Blatt U1) dargestellt und den Hintergrund erläutert.
Einige Restexemplare der Urkunde sind z.Zt. (April 2006) noch über die Buchhandlungen bzw. über den Verein selbst zu beziehen. Eine Gesamtübersicht der vom Verein publizierten historischen Urkunden und Karten bietet das Themenspecial „Karten und Urkunden“
Ergänzung für Numismatiker und Münzfreunde
In diesem Geld
hatten die genannten Orte ihren Zehnten abzugeben, sofern es sich nicht wie lange üblich um Naturalabgaben handelte. Das Silberstück wog um 1,4 gr
Es zeigt den Bischof mit Krummstab und Buch, darunter als Inschrift PIUS, auf der Rückseite stilisiertes Kirchengebäude. Zwölf derartige Denare stellten die Recheneinheit Solidus dar, die als Münzstück nicht existierte. (A.R.)
