Auf den Spuren der Herzöge von Nassau – Dreitagesfahrt des BGV Oberberg nach Wiesbaden

Ein Besuch im ehemaligen Herzogtum Nassau stand schon seit längerem auf dem Programm des BGV Oberberg, unser Mitglied Christoph Mehler hat schon vor zehn Jahren Schlossführungen in der ehemaligen Residenzstadt Weilburg gemacht und kennt sich bestens in der dortigen Regionalgeschichte aus. Also begann unsere Exkursion mit mehr als vierzig Personen am 12. Juni 2026 bei noch trübem Wetter dort.

Blick vom Schloss auf die Lahn

Die Weilburger Altstadt befindet sich auf einem steilen Felsen innerhalb einer größeren Flussschleife. Die Lahn, heute mitten in Hessen gelegen, war in nassauischen Zeiten Ursprungsgebiet der Herrschaft und gleichzeitig eine Grenze: In der Erbteilung von 1255 wurde das vom nassauischen Grafengeschlecht beherrschte Land zwischen den Brüdern Otto und Walram geteilt, der nördliche Teil (Dillenburg, Siegen, Hadamar, Dietz usw.) fiel an die ottonische Linie, der Süden mit Weilburg, Idstein und Usingen kam an die walramische Linie. Weitere Erbteilungen folgten, sodass die Herrschaft Nassau nie zu einem einflussreichen Faktor im Reich wurde. Trotzdem gelangte ein ottonischer Nassauer, Adolph von Nassau, 1292 auf den deutschen Königsthron und verlor ihn auch schnell wieder, immerhin verschaffte er Weilburg die Stadtrechte. Auch König Konrad weilte und verstarb hier im 10. Jh.  Bekannt ist sein Weilburger Testament, in dem er die Königsherrschaft an den Sachsenherzog Heinrich übertrug und zur Grundsteinlegung des ersten Reiches in Deutschland beitrug.
Ein weiterer wichtiger Förderer der Residenzstadt Weilburg war Graf Johann Ernst, dessen Mutter Christiane Elisabeth aus dem Hause Sayn-Wittgenstein-Homburg stammte und die Homburg im Wappen führte. Johann Ernst war nicht nur ein hervorragender Heerführer, der nacheinander in den Diensten von Hessen-Kassel und der bergischen Herren von Pfalz-Neuburg stand und kaiserlicher Feldmarschall war, sondern auch ein begnadeter Bauherr, der nicht nur Stadt und Schloss Weilburg ein barockes Gesicht gab. Das Geld floss aus seinen militärischen Kommandos, aber auch Falschmünzerei in großem Stil wurde ihm nachgesagt. Es schadete ihm nicht, wohl aber seinem Münzmeister Schlüter, der zwei Jahre brandenburgische Festungshaft ertragen musste.
Ein weiterer Prachtbau, den Johann Ernst mit Gärten und Parkanlagen oberhalb der Stadt anlegen ließ, war das Jagdschloss Windhof, Sommerresidenz und Ort prachtvoller Feste. Das militärisch-abweisende Gepräge der Seitenflügel steht in seltsamem Kontrast zur fast familiären Atmosphäre des Herrenhauses. Nach einer Nutzung als Lehrer-Akademie werden hier heute Techniker und Ingenieure ausgebildet.
Der Nachmittag des ersten Tages gehörte der Stadtführung in Weilburg, in der geräumigen Hofkirche mit einem prächtigen Dreiklang von Altar, Kanzel und Orgel und wieder der Homburg auf dem Epitaph der Gräfin Anna Maria und natürlich dem Grab des letzten, von den Preußen nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz entmachteten Nassauer Herzogs Adolph. Seine Zeit kam ein Vierteljahrhundert später zurück, als ihn die Regeln des Nassauer Erbvereins auf den Thron der Luxemburger Großherzöge hoben, dort sitzen seine Nachfahren noch heute, die Nachfolge regelt jetzt aber die luxemburgische Verfassung. Nach dem Besuch der beeindruckenden Gartenanlagen über zwei Ebenen mit Rosen und anderen Blumen und Spalierobst ging es nach Wiesbaden.

 

Kurhaus

Wiesbaden hatte für das Haus Nassau mit seiner Lage am Rhein immer eine strategische und wirtschaftliche Bedeutung. Schon die Römer schätzten seit den 1. Jh. n. Chr. seine heißen Heilquellen und verhalfen dem Ort zu seiner bis heute andauernden Tradition als Kurstadt, erst der Reichen und Schönen und jetzt der Kassenpatienten. Das Kaiserreich der Hohenzollern ist allgegenwärtig (Wilhelmsbau, Kaiser-Friedrich-Therme, Denkmäler). Wilhelm II. und andere Monarchen pflegten hier regelmäßig zu kuren und zogen den Hochadel mit, der Weg durchs Nerotal ist geprägt von herrschaftlichen Villen. Auch ein gut situiertes Bürgertum organsierte sich in der Stadt mit herzoglicher Erlaubnis in der Wiesbadener Casino-Gesellschaft, deren Räume und Festsäle zu den schönsten in Hessen zählen. Wer gut bei Kasse war, konnte die Spielbank besuchen, manch einer verlor hier ein Vermögen. Der russische Schriftsteller Dostojewski, nach dem im Kurhaus ein Saal benannt ist, verarbeitete dieses Trauma in seinem Roman „Der Spieler“.
Russland ist ohnehin in Wiesbaden sehr gegenwärtig. Herzog Adolph verlor seine erste Gemahlin Elisaweta Michailowna, eine Nichte des damals regierenden Zaren Nikolaus I., schon sehr früh. Sie wurde in einer neugebauten russisch-orthodoxen Kapelle auf dem Neroberg bestattet. Der herzogliche Hofbaumeister wurde zu Studienzwecken extra nach Russland geschickt, die Kosten des auch heute noch sehr ansehnlichen Baus wurden aus der Mitgift der Prinzessin bezahlt. Auf den Neroberg kommt man übrigens mit einer Wasserlast-Zahnstangen-Standseilbahn mit traumhaften Ausblicken auf die hessische Landeshauptstadt, die zudem noch umweltfreundlich arbeitet. 7.000 Liter Wasser in der talfahrenden Bahn ziehen die bergfahrende nach oben.
Das Land Hessen feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag, in ihm gingen auch große Teile das alten Herzogtums Nassau auf, der verbliebene Rest fiel an den Nachbarn Rheinland-Pfalz. Zunächst tagte der Landtag im Musiksaal des Stadtschlosses, dann kam 1962 an die Stelle der Reithalle ein fensterloser Plenarsaal, 2004-2008 entstand der heutige Bau in Kreisform, viele Fensterschlitze sorgen für Transparenz. Nach der Besichtigung des Landtages mitsamt Kabinettsaal und Präsidentenzimmer folgte eine Stadtführung zu Kuranlagen und Heilquellen. Wiesbaden verfügt auch über eine große Zahl von sehenswerten Kirchen. Wer mehr Unterhaltung wollte, konnte das an diesem Wochenende stattfindende Stadtfest besuchen. Gediegener saß man im Café der Villa Clementina, heute Haus der Literatur und des Wiesbadener Presseklubs, 1888 aber auch mit staatlicher Duldung Ort der Entführung des damaligen serbischen Kronprinzen Alexandar.
Die Rückfahrt am Sonntag führte nach einem Zwischenstopp am Schloss Biebrich mit Außenbesichtigung und Gang durch den Schlosspark in den Rheingau mit seinen üppigen Obstgärten und bekannten Weinlagen zur Winzergenossenschaft Frauenstein. Hier wurden beste Weine verkostet und auch zahlreich gekauft. Danach wartete ein rustikales Mittagessen im Gasthof Jagdschloss Platte. Das Schloss selbst wurde bei den verheerenden Bombenangriffen im Februar 1945 fast vollständig zerstört und seit 1987 wieder restauriert. Auffällig sind sein ausladendes Glasdach und die beiden Bronzehirsche am Eingang.

Bunte Fachwerkhäuser in Idstein

Letzte Station war eine anderthalbstündige Führung durch die reichverzierte Altstadt von Idstein mit ihren prachtvollen Fachwerkhäusern und sorgfältig restaurierten Barockbauten. Besonders sticht die in der Mitte des 17. Jh. errichtete Unionskirche mit ihren großformatigen Gemälden der Rubensschule hervor. Ihr Name soll an die Nassauische Union von 1817 erinnern, in der fortan Lutheraner und Reformierte erstmals in einem deutschen Flächenstaat in einer Landeskirche mit einem Landesbischof vereinigt wurden. Schloss, Schlossgarten und Hexenturm setzen in Idstein noch einen anderen Akzent und erinnern daran, wie dicht Licht und Schatten beieinander liegen können. Mit Kaffee und Kuchen oder Eis auf dem Idsteiner Marktplatz fand ein abwechslungsreicher Abstecher in die nassauische Geschichte seinen Abschluss.
Noch nicht ganz: Auf dem Rückweg lag noch ein „Bonbönchen“: der Marmorsteinbruch Villmar. Lahnmarmor wurde nachweislich seit dem 16. Jh. bis 1970 abgebaut und in zahlreichen repräsentativen Gebäuden verwendet. Hierzu gehörten Kirchen und Schlösser (auch Graf Johann Ernst badete im Weilburger Schloss in einer riesigen schwarzen Marmor-Badewanne). Die russischen Zaren und Adeligen schmückten ihre Paläste in Petersburg und Moskau damit, die Herren der Neuen Welt dekorierten mit ihm ihre Wolkenkratzer (Empire State Building). Lahnmarmor kommt in zahlreichen Farben und Maserungen vor, wie man an den Schauwänden in Villmar sehen kann. Die Gewinnung und Verarbeitung war in den Jahrhunderten aber mit erheblicher Staubentwicklung verbunden, in Nassau wurden deshalb auch oft Strafgefangene für diese Arbeiten herangezogen.

Text: Harald Meißner, Fotos: Dr. Anna Eiter-Rothkopf und Marcus Dräger

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