„Alles ist Wechselwirkung“ – Uwe Schwarz beschreibt Alexander von Humboldts amerikanische Reise 1799-1804

Am 1. Oktober 2026 luden die Volkshochschule Oberberg und der Bergische Geschichtsverein zu einem Vortrag in der Neuen Bibliothek Gummersbach über die Süd- und Mittelamerika-Reise des deutschen Universalgelehrten Alexander von Humboldt in den Jahren 1799 bis 1804 ein. Den Vortrag hielt der Geograph Uwe Schwarz, der sich in seinem Berufsleben nicht nur mit Geographie und Kartographie befasst hat, sondern auch immer wieder geschichtliche Themen untersucht, darunter auch berühmte Forschungsreisen, die eine besondere Faszination ausstrahlen.
Als Alexander von Humboldt mit seinem französischen Freund und Weggefährten, dem Arzt und Botaniker Aimé Bonpland, die Reise nach Südamerika unternahm, war er kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Dreissigjährige hate eine steile Karriere in der preußischen Bergwerksverwaltung hinter sich, in deren Verlauf er unter und über Tage viele Verbesserungen einführte und die Effizienz der Rohstoffförderung erheblich steigerte.
Der Staatsdienst engte den aufstrebenden Gelehrten aber auch stark ein. Sein Traum waren Forschungsreisen in fremde Länder, sein Wissensdurst trieb ihn schließlich in die Tropen. Nachdem sich ein ägyptisches Projekt in den unruhigen Zeiten der Revolutionskriege zerschlagen hatte, trat die Welt der spanischen Kolonien in der Neuen Welt in den Fokus. Mit seinen Vizekönigreichen und Generalkapitanaten umfasste der spanische Besitz eine große, aber vielfach unerschlossene Landmasse. Da kam Humboldt gerade recht: Er kostete kein Geld, denn er finanzierte seine Expedition aus eigenen Mitteln, die ihm und seinem Bruder Wilhelm nach dem Tod ihrer Mutter in erheblichem Umfang zur Verfügung standen. Humboldt und Bonpland erhielten als erste Ausländer von der Krone die Erlaubnis, sich unbeschränkt in den amerikanischen Gebieten bewegen zu können. Das Kalkül der Monarchen ging auf, mit der Auswertung und Verbreitung der Reiseerkenntnisse konnte man in Europa zahlreiche neue Investoren für die Wirtschaftsentwicklung in Südamerika gewinnen.
Für den akribischen Wissenschaftler Humbold war eine jahrelange Vorbereitung der Reise Pflicht, die neuesten Messinstrumente wurden in ganz Europa gekauft, der Umgang mit Vulkanen in Italien trainiert. Ein schon vorher bestehendes dichtes Netzwerk, das Humboldt mit den Wissenszentren seiner Zeit verband, sorgte nicht nur dafür, dass er auf dem neuesten Wissenstand war und blieb, sondern dass auch er während der gesamten Reise, wenn es möglich war, seinen Input geben konnte. Am Ende seiner Südamerika-Reise war er so berühmt, dass er auf Einladung des auch naturwissenschaftlich interessierten US-Präsidenten Thomas Jefferson sogar mehrere Wochen in Washington verbrachte.
Die Südamerika-Reise hatte drei Schwerpunkte: Zunächst wurde über viele Wochen der Lauf des Orinoco erforscht und kartografiert, Humboldt konnte sogar nachweisen, dass die Flusssysteme des Orinoco und des Amazonas über den Rio Negro miteinander verbunden sind. Daneben wurde aber auch viel kleinteilige Forschungsarbeit geleistet, Pflanzen und Tiere wurden beschrieben, Verbreitungszonen erfasst, Messungen durchgeführt. Für Humboldt waren die Wechselwirkung der natürlichen Erscheinungen und ihre gegenseitige Beeinflussung im Gesamtkosmos wichtig. Auf diesem Weg fanden sich viele bemerkenswerte Details.
Nicht nur der erste Teil der Reise war an Strapazen reich und voller Gefahren (Krokodile, Jaguare, Moskitos und Krankheiten), auch der zweite Teil, der in die Hochgebirgswelt der Anden führte und nicht nur zur (Fast)Besteigung des Chimborasso führte, gab Humboldt beispielsweise die Gelegenheit, am eigenen Körper die Höhenkrankheit zu studieren. Der Forscher bereicherte die Pflanzengeographie durch seine Karten der verschiedenen Vegetationszonen und durch seine Überlegungen zur Beeinflussung des Pflanzenwachstum durch Klima und Topographie. Die kleine Gruppe kam bis ins peruanische Lima. Auf dem Weg wurde Humboldt auch auf die Bedeutung des Vogelexkrementes Guano aufmerksam und machte ihn als wirksamen Dünger in ganz Europa bekannt.
Der letzte Abschnitt der Reise führte nach Mexiko, die Topographie des Landes wurde präzise vermessen, Bergwerke besichtigt und Verbesserungsvorschläge gemacht und geologische Untersuchungen angestellt. Dem fortschrittlichen Geist Humboldts blieb aber auch die Ausbeutung und Geringschätzung der Ureinwohner durch die spanische Kolonialmacht nicht verborgen, die er in späteren Schriften anprangerte.
Als Humboldt 1804 nach Berlin zurückkehrte, wurde er mit Ehrungen überhäuft (Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, kgl. Kammerherr und Staatsrat). Dann folgte der dritte Schritt der Südamerika-Reise, die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse. Es entstand über viele Jahre ein 34 Bände umfassendes Konvolut, das die moderne Südamerika-Forschung begründete. Daneben wurden aber auch die Wissenschaftsstruktur der damaligen Zeit massiv beeinflusst und viele neue Fachdisziplinen etabliert.
Reise und Auswertung verzehrten fast das ganze Vermögen Humboldts, trotzdem gelang ihm 1829 noch eine weitere Reise ins unbekannte Sibirien bis an die chinesische Grenze. Sein Lebenstraum hatte sich erfüllt, als er 1859 fast neunzigjährig starb. Nicht nur der Humboldt-Strom oder der gleichnamige Pinguin halten seinen Namen in Ehren.
Text: Harald Meißner   Fotos: Dr. Anna Eiter-Rothkopf

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