Das Archiv ist das Gedächtnis der Kommune – Besuch des BGV Oberberg im Gemeindearchiv Nümbrecht

Am 17. September 2026 besuchte eine Gruppe von Geschichtsinteressierten das Gemeindearchiv Nümbrecht, das seit der Gemeindereform 1969 wertvolle Aktenbestände der Gemeinde Nümbrecht und der Altgemeinde Marienberghausen hütet. Zeitlich reicht der Bestand bis ins ausgehende 18. Jh. zurück, und es sind auch nicht nur Akten, die hier sachgerecht katalogisiert und für Gegenwart und Zukunft erhalten werden.
Die Archivbetreuung hat Birgit Ludwig-Weber, die seit vielen Jahren den Aufbau des Archivs und die Pflege der ihr anvertrauten Archivalien betreibt. Frau Ludwig-Weber, Tochter des letzten Bürgermeisters der selbständigen Gemeinde Marienberghausen, hat in ihrem Berufsleben als Museumspädagogin im Museum Schloss Homburg gearbeitet und dort viele erfolgreiche Projekte der Jugendarbeit mitgestaltet. Nicht nur Nümbrechtern ist sie auch durch ihre jahrzehntelange Vorstandstätigkeit im Kunstverein Nümbrecht bekannt.
Als Frau Ludwig-Weber ihre neue Aufgabe im Rathaus übernahm, war der ausgemusterte Aktenbestand in einem beklagenswerten Zustand und so unorganisiert, dass sich kaum mit ihm arbeiten ließ. Im Selbststudium und in Fortbildungskursen, die u.a. das Archivamt des LWL in Münster und die Archivschule Marburg anbietet, erwarb sie das professionelle Wissen für ihre monumentale Aufgabe, die bis heute zwar noch nicht abgeschlossen ist, aber schon üppige Früchte getragen hat.
Zunächst mussten Räume gefunden werden, die den klimatischen Anforderungen von alten Papierbeständen entsprachen, um Schimmelbildung und Papierfraß zu minimieren. Strenge Brandschutzbestimmungen für Archive verbannen Teppichböden und Holz aus den Räumen. Alte Dokumente sind tageslichtempfindlich, Aufbewahrungsschachteln müssen säurefrei sein, Metallteile (z.B. Büroklammern) müssen entfernt werden usw. Vieles ist bei Pflege und Erhaltung zu bedenken.
Es mag überraschen, aber ein Archiv ist ein lebendiger Organismus. Nach Ablauf eines Jahres müssen in den Fachabteilungen Altbestände gesichtet und Erhaltenswertes für die Lagerung im Archiv ausgewählt werden. Auch bei der Anlage von Akten kann das Archiv beraten, damit die Inhalte später leichter erschlossen werden können. Der überwiegende Teil der Akten wird fachgerecht entsorgt, für den archivierten Teil gelten strenge Datenschutzregeln: Wer bekommt Einsicht, welche Sperr- und Aufbewahrungsfristen gelten?
Ein Archiv ist keine Bibliothek, die man nach Gutdünken in Themengebiete einteilt, sondern hat eigene Strukturen. Akten gehören räumlich oder chronologisch zusammen. Professionelle Findbücher mit Kurzbeschreibung und Signaturen führen schnell zum gewünschten Schriftstück. Deswegen ist die Erschließung mit einer wirkungsvollen Archiv-Software (z.B. AUGIAS) und einer intelligenten Verschlagwortung von allergrößter Bedeutung. Immer wichtiger wird auch die Digitalisierung der Bestände und in Zukunft wohl auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die aus Big Data Zusammenhänge erschließen kann.
Neben der Arbeit in der Gemeinde soll das Archiv aber auch andere Aufgaben erfüllen: Heimat- und Familienforscher brauchen Unterstützung, Ausstellungen müssen vorbereitet, Schüler bei Facharbeiten mit Material versorgt werden. Außerdem soll die Öffentlichkeit wissen, dass es einen Datenbestand gibt, den sie selbst mit alten Briefen, Tagebüchern, Fotos und schriftlichen Nachlässen zum Wohle aller bereichern kann.
Bei allen Erfolgserlebnissen kann es manchmal aber auch Rückschläge geben, wenn z.B. eingedrungenes Regenwasser einen Teil der unersetzlichen Bestände durchnässt, die dann aufwändig restauriert werden müssen. Auch die Kosten für die technischen Arbeitsmittel sind manchmal nur durch Spenden und Zuschüsse zu stemmen.
Beim Besuch im Rathaus zeigte Frau Ludwig-Weber auch einige praktische Beispiele Ihrer Arbeit: Dazu gehören Katalogisierung und Digitalisierung alter Bildbestände, die Aufarbeitung alter Schulchroniken (z. B. Schule in Driesch mit Einträgen von Hermann Conrad) und die Lesbarmachung alter Urkunden.
Wir danken Frau Ludwig-Weber für die interessanten und sicher für viele Besucher neuen Einblicke, wertvoll für alle Personen, die sich intensiver mit oberbergischer Geschichte befassen wollen. Der Bergische Geschichtsverein, der im Herbst 2026 den Bd. 16 der „Beiträge zur Oberbergischen Geschichte“ veröffentlicht, bietet auch in Zukunft eine Plattform, um die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Heimatforschung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch dafür ist die Arbeit der heimischen Archive eine wertvolle Voraussetzung.
Text und Forots: Harald Meißner