Die enge Beziehung der ehemaligen Reichsherrschaft Homburg zum ehemaligen Fürstentum Sayn-Wittgenstein-Berleburg hat bis in unsere Tage gehalten. Es gibt zwar heute keine regierenden Fürsten mehr und Adelstitel sind zu Namensbestandteilen geworden. Trotzdem erinnert man sich in Berleburg gern an das Homburger Ländchen und im Oberbergischen an die ehemaligen Landesherren.
Unter dem Grafen Ludwig Casimir kam es 1635 zum Dillenburger Vergleich mit dessen Bruder Ernst, der die Herrschaft Homburg übernahm und die Eigendynastie Sayn-Wittgenstein-Homburg (1635-1743) begründete. In diese Zeit fiel ein beachtlicher Ausbau von Schloss Homburg, der aber auch zur Zerrüttung der Finanzen des kleinen Ländchen führte. Danach fiel Homburg für lange Zeit an die Linie Sayn-Wittgenstein-Berleburg, die auch die Schuldentilgung übernahm. Auch wenn das Schloss Homburg jetzt dem Oberbergischen Kreis gehört und in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag als Heimatmuseum des Oberbergischen Landes feiert, besitzt das Fürstenhaus immer noch einen kleinen Rest seines ehemals großen Waldbestandes in unserer Region.
Die gefühlte Nähe betonte auch Gustav Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, der am 23. April 2026 eine Besuchergruppe des Bergischen Geschichtsvereins in seiner Residenz in Bad Berleburg empfing. Das Fürstenhaus, das auch eng mit dem dänischen Königshaus verwandt ist, gehört mit 13.000 ha zu den größten Waldbesitzern in Nordrhein-Westfalen und in der Bundesrepublik. Aber auch die Ausgaben für die Erhaltung des Schlosses und der übrigen Liegenschaften sind erheblich, die Instandhaltung verschlingt jährlich mindestens 300.000 bis 500.000 €, bei größeren Reparaturen auch deutlich mehr. Hinzu kommen den Waldbauern wohlbekannte Risiken: Sturmschäden, Borkenkäfer, Trockenheit. Berleburg ist aber auch bekannt für sein Wisentgehege, eine Herzensangelegenheit des 2017 verstorbenen Vaters Prinz Richard, mittlerweile hat sich der Tierbestand verdoppelt.
Der Berleburger Schlossbau lässt die verschiedenen Bauperioden gut erkennen, vom ursprünglichen Jagdhaus bis zur modernisierten barocken Residenz. Heute können die prächtigen Repräsentationsräume leider nicht mehr von der Öffentlichkeit besichtigt werden, da das Schloss seit einigen Jahren wieder von der Fürstenfamilie bewohnt wird. Die BGV-Gruppe bekam deshalb nur die Gewölbe des ältesten Schlossteiles und die ehemaligen Stallungen im gegenüberliegenden Flügel zu sehen.
Nach dieser Einstimmung zeigte uns Dr. Johannes Burkhardt, Abteilungsleiter „Ostwestfalen-Lippe“ im Landesarchiv NRW und Archivar des Kirchenkreises Wittgenstein, den Schlossbezirk in Berleburg und begleitete die Gruppe mit seiner kenntnisreichen Führung durch den Tag.
Graf Ludwig I. der Ältere, ein humanistisch hochgebildeter Herrscher, zunächst für die geistliche Karriere vorgesehen und päpstlicher Kammerherr, folgte seinem Bruder nach und verlegte die Residenz von Schloss Wittgenstein nach Berleburg. Er förderte die von seinem Vater eingeführte lutherische, später die reformierte Kirchenordnung und pflegte enge Kontakte zum kurfürstlichen Hof in Heidelberg. In seiner Grafschaft führte er das Wittgensteiner Landrecht ein, das bis ins 20. Jh. Bestand hatte. Seinen Besitz teilte er unter seinen Söhnen auf, die Grafschaft Sayn, die Nordgrafschaft mit Berleburg und der Homburg und die südliche Grafschaft mit der Stammburg Wittgenstein bei Bad Laasphe und der Herrschaft Vallendar.
Schlossbezirk und Stadt waren früher stärker voneinander getrennt als heute und hatten ihre eigene Ordnung, die ländliche Bevölkerung in den vielen kleinen Dörfern und Weilern lebte ihr eigenes Leben. Auch heute sind Land- und Forstwirtschaft wichtige Erwerbsfaktoren, aber auch Tourismus und Gewerbe haben sich in der Nachkriegszeit spürbar entwickelt. Bad Berleburg lebt auch von seinen großen Kurkliniken.
Auf den Höhen des Rothaargebirges verläuft die alte Grenze zu Westfalen, Wittgenstein war immer mehr in Richtung Hessen und auch zum Siegerland orientiert, sprachlich, politisch und religiös. Das Sauerland im Norden war kurkölnisch und katholisch, Wittgenstein am Südabhang reformiert und gewährte Glaubensflüchtlingen wie Alexander Mack, der die Erwachsenentaufe in der Eder praktizierte und mit seinem Wirken später einen Grundstein der amerikanischen Church of Brethren legte, und den Radikalpietisten Zuflucht in seiner Abgeschiedenheit. Ein wichtiges theologisches Werk, das hier geschaffen wurde, ist die achtbändige „Berleburger Bibel“ (1724-42) mit ihrem umfangreichen Kommentar, Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg war neben seiner umfangreichen Bautätigkeit am Berleburger Schloss ein aktiver Förderer des Projektes.
Ein Abstecher zum Kahlen Asten mit der höchsten Bushaltestelle in NRW verschaffte bei strahlendem Sonnenschein und einer hervorragenden Fernsicht eine Erholungspause und einen bleibenden Eindruck von einer bedeutenden Mittelgebirgslandschaft.
Am Nachmittag standen zwei typische Dorfkirchen im Umfeld der Residenzstadt Berleburg auf dem Programm: Zunächst zeigte Dr. Burkhardt die wuchtige Bonifatiuskirche im Ortsteil Raumland. Sie war Urpfarrei des umliegenden Landes und geht in ihren Ursprüngen als Missionskirche bis in die Karolingerzeit zurück. Der heutige spätromanische Bau, die älteste erhaltene Hallenkirche Südwestfalens, stammt aus dem 13. Jh. und besticht durch gemalte Szenen aus der Leidensgeschichte Christi aus dem 15. Jh. Auch das Geläut, das älteste in Westfalen erhaltene, stammt aus dieser Zeit.
Ein zweiter Kirchenbau im Ortsteil Sassenhausen zeigt die hohe Fertigungskunst der damaligen Handwerksmeister im Wittgensteiner Land. Es handelt sich um eine im beginnenden 18. Jh. gebaute Fachwerk-Kapelle, die, wie oft in der damaligen Zeit, gleichzeitig als Kirche und als Schulhaus benutzt wurde.
Ihr Baumeister heißt Mannus Riedesel, der als Zimmerer und Schreiner Wunderwerke der Holzbearbeitung hervorbrachte. Neben seinem Meisterwerk in Sassenhausen schuf er Fachwerkhäuser und Scheunen, wirkte aber auch im Dienst der Landesherren und benachbarter Dynasten. Wie der örtliche Heimat- und Kirchenforscher Bernd Geier der Besuchergruppe in der Schulkapelle erläuterte, birgt der Bau noch manche Geheimnisse, die er mit seinen Forschungen nach und nach zu enträtseln hofft: So stehen heute Gestühl und Kanzel anders als in der Entstehungszeit und verwischen das ursprüngliche Raumgefühl. Geier zeigte auch eine prächtige frisch restaurierte Barockbibel, ein Juwel der damaligen Buchdruck-Kunst.
Vor dem Herrenhaus Schwarzenau, Residenz der Linie Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, begrüßte uns zum Abschluss der Fahrt Helmut Janner, der 2. Vorsitzende des Wittgensteiner Heimatvereins, und berichtete über einen weiteren wichtigen Erwerbszweig des Wittgensteiner Landes, den Schieferabbau. Nachdem die preußische Regierung im 19. Jh. den Einsatz von Stroh als Bedachungsmaterial verboten hatte, erlebte Schiefer einen wahren Boom, gefragt nicht nur im Reich, sondern auch im Ausland. Besonders die Abbaustätten um Raumland waren wegen ihrer hohen Qualität berühmt und sorgten bis ins 19. Jh. für einen gewissen Wohlstand in der Region. Janner nahm eine Einladung des BGV-Vorsitzenden Marcus Dräger zu einem Gegenbesuch der Wittgensteiner im Oberbergischen gern an.
Bei Kaffee und Kuchen endete ein erlebnisreicher Ausflug in eine nicht allzu weit entfernte Region, die nicht nur eine traumhafte Landschaft mit viel Erholungswert, sondern auch eine unerwartete kulturelle Vielfalt bietet und die etwas mühselige Anreise immer lohnt.
Text: Harald Meißner, Fotos: Dr. Anna Eiter-Rothkopf
Klicken Sie auf das erste Bild, und die Bildergalerie öffnet sich mit vergrößerten Abbildungen!
- Besuchergruppe wartet auf den Hausherrn
- Aufmerksame Zuhörer im Ehrenhof des Schlosses
- Prinz Gustav von Sayn-Wittgenstein-Berleburg
- Dankesworte des Vorsitzenden
- Zum Dank Nachschub für die fürstliche Bibliothek
- Schloss Wittgestein Berleburg, Südflügel
- Nordflügel von Schloss Wittgenstein Berleburg
- Besuchergruppe vor dem Brunnen im Ehrenhof
- Ehemaliger Marstall
- Schlosskapelle
- Schlossspezialist Historiker Dr. J. Burkardt übernimmt die Führung
- Im Schlosspark
- Kurpark hinter dem Schloss
- Gasthaus Graberhof, Winterberg-Hoheleye
- Zaungäste am Gasthaus Graberhof
- Anstieg zum Kahlen Asten
- Bonifatiuskirche Raumland
- Wandmalereien in der Bonifatiuskirche Raumland
- Bonifatiuskirche Raumland
- Reformierter Kirchenschmuck einheimischer Künstler in Raumland
- Detail an der Empore der Bonifatiuskriche Raumland
- Fachwerkkirche in Sassenhausen
- Eingangstor der Kirche Sassenhausen
- Innneraum der Kirche Sassenhausen
- Herr Geier präsentiert seine Forschungsergebnisse zur Architektur und theologischen Bedeutung der Kirche.
- Kirchenschatz Lutherbibel in der Kirche Sassenhausen
- Herrenhaus Schwarzenau
- Vertreter des Heimatvereins berichtet zum Schieferbergbau
- Verabschiedung Dr. Burkardt am Herrenhaus Schwarzenau































