Wie alt ist Meinerzhagen, das schmucke Kleinstädtchen im märkischen Sauerland? Diese Frage stellte sich der Besuchergruppe des BGV Oberberg gleich zu Beginn der Stadtführung am 30. August 2025. Man war hier auf Einladung des Heimatvereins Meinerzhagen und dessen stellv. Vorsitzender René Casagrande schilderte viele Aspekte der manchmal recht turbulenten und quirligen Ortsgeschichte.
In einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Anno II. wird das Jahr 1067 genannt, leider erwies sich das Dokument als 100 Jahre jünger, der beschriebene Sachverhalt mag trotzdem stimmen. Also stützt sich das im letzten Jahr gefeierte 850jährige Jubiläum auf eine bergische Urkunde von 1174. Man vermutet aber, dass die Ursprünge des Ortes bis ins 9. Jahrhundert zurückgehen.
Im Mittelalter im Schnittpunkt dreier Herrschaften (Berg, Mark und Erzstift Köln, das zeigt auch das Wappen des Amtes Meinerzhagen) gelegen und nicht selten Zankapfel der Mächtigen, wurde die wirtschaftliche und politische Bedeutung des Ortes durch die Lage an der Heidenstraße bestimmt, die als Heer- und Handelsweg von Leipzig über Kassel nach Köln führte und damit den Zugang zu den Lebensräumen in Ost und West öffnete. Sie führte mitten durch den Ort. Die Heidenstraße war aber auch Pilgerweg, davon kündet heute noch das Symbol der Jakobsmuschel. Meinerzhagen verfügte selbst über ein wundertätiges Marienbild, der Legende nach vom Eremit Meinhardus in die sauerländische Wildnis gebracht.
Handel, Erz-Bergbau und -verarbeitung und lokale wie überregionale Pilgerzüge sorgten für einen gewissen Wohlstand, eine große Wallfahrtskirche mit geräumigen Emporen entstand und bestimmt noch heute das Ortsbild. Aus dieser Zeit stammt noch das Taufbecken, das nach 500 Jahren 1732 wegen Platzmangel entfernt wurde und verschwand; aber nach fast zwei Jahrhunderten Dornröschenschlaf in einem Brunnen fand es den Weg zurück und ist heute neben Altar und Kanzel ein Symbol des christlichen Glaubens.
Die Kirche kündet aber auch von Schrecken und Vernichtung. In der Vorhalle hängt ein großes Holzkreuz von 1949, das, geschnitzt aus den Balken eines im Krieg zerstörten Hauses, den triumphierenden Christus (Jesus-Christus-Kirche) darstellt. Der Kirchhof selbst war im Dreißigjährigen Krieg Ort von Kämpfen, hier starb 1640 der von niederländischen Reitern verfolgte dänische Prinz und Oberst in spanischen Diensten Christian Ulrich Gyldenlöwe, ein unehelicher Sohn des dänischen Königs Christian IV. Der Achtzigjährige Krieg hatte das Sauerland erreicht. Der Prinz fand in der Kirche seine letzte Ruhestätte wie auch zahlreiche andere Adelige und angesehene Bürger (z.B. Engelbert von Neuhoff (Badinghagen, Haus Ley) und der Richter Peter Wever).
Verheerend für Ort und Kirche war 1797 ein Großbrand, der den Ortskern und die Kirche weitgehend zerstörte. Da mit der Reformation, die um 1570 in Meinerzhagen Einzug hielt, die Zeit der Pilgerströme vorbei war und die Unsicherheit von Revolutionskriegen und Franzosenherrschaft die Wirtschaft der Region stark schädigten, kam ein spürbarer Wiederaufbau erst nach dem Wiener Kongress 1815 in Gang. Danach erlebte die Kirche noch einige Umbauten, wobei sich der jetzige Zustand weitgehend dem ursprünglichen Status im Spätmittelalter angepasst hat.
Ein weiterer Blickfang im Meinerzhagener Stadtbild sind die imposanten Bürger- und Geschäftshäuser. Hier ist im Viertel Krim die Kornbrennerei Krugmann zu nennen, deren Erzeugnis die Besuchergruppe probieren konnte. Hier gab es seinerzeit im angeschlossenen Hotel die neuesten Zeitungen und auch eine Telegraphenverbindung, sodass man über die neuesten Entwicklungen im Krimkrieg (1853-56) informiert war. Gesellschaftsräume waren ein beliebter Treffpunkt des Bürgertums.
Vor der Volksbank steht ein Bronzestandbild des Karl vom Ebbe, der den nicht nur im Sauerland weitverbreiteten Kleinhandel mit Kiepenträgern symbolisiert. Diese Menschen handelten nicht nur mit allem möglichen Krimskrams, den die Familien in Stadt und Land brauchten, sondern sorgten auch für ein Zusatzeinkommen der oft armen Bauern. Die damaligen Berufe verkörpern die Figuren in der Kiepe. Eine fast genauso wichtige Funktion hatte der Kiepengänger aber auch als Nachrichtenbörse, Reales und Gerüchte wurden weitergetragen und bereicherten das tägliche Leben.
In Meinerzhagen kündet der Neue Jüdische Friedhof vom Leben, aber auch vom Untergang der jüdischen Gemeinde im Nationalsozialismus. Grabsteine, Informationstafeln und zahlreiche Stolpersteine erzählen von einer dunklen Epoche der deutschen Geschichte.
Bekannt ist Meinerzhagen auch durch die Firma Otto Fuchs, einem weltweit tätigen Unternehmen der Metallverarbeitung (Auto, Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau usw.) und einem wirtschaftlichen Pfeiler der Region.
Der Rundgang endete an diesem sonnigen Nachmittag im Spätsommer auf dem Schützenplatz mit einem Umtrunk, zu dem der Heimatverein anlässlich des 65jährigen Bestehens des Fanfarenzuges 1960 Meinerzhagen eingeladen hatte. Auch hier zeigte sich, dass der Vereinsgedanke heute noch sehr lebendig ist und auch von vielen jungen Menschen weitergetragen wird.
Text: Harald Meißner, Fotos: Dr. Anna Eiter-Rothkopf
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- Ev. Kirche
- Beginn der Führung durch Renè Casagrande vom Heimatverein
- Aufmerksame Zuhörer
- Erklärungen zur Kirchenarchitektur
- Innenraum der ev. Kirche
- Empore in der ev. Kirche
- Blick von der Seitenempore
- Blick in die Apsis
- Ev. Kirche Meinerzhagen
- Beginn des Stadtrundganges mit Hinweis auf die Heidenstraße
- Original „Kaal von Ebbe“
- Erholungspause unterwegs
- Historische Hauptstraße
- Ehemaliger Verkehrsmittelpunkt an der Heidenstraße
- Vorstellung eines lokalen Produktes
- Teilnehmer der Stadtführung
- Alte Gärten in der Stadt
- Kriegerdenkmal
- Kriegerdenkmal
- Jüdischer Friedhof Meinerzhagen
- Bericht über persönliche Schicksale ehemaliger Bürger
- Der Vorsitzende dankt dem Führer, Herrn Casagrande
- Überreichung lokalhistorischer Veröffentlichungen
- Blick von der Festwiese zur (Matten-)Sprungschanze


























